Der Druide im Rollenspiel Midgard – Charakter, Ansichten, Verklärung

Karte Midgard

Was ist das Rollenspiel Midgard?

Das Wort Midgard kann aus verschiedenen altgermanischen Sprachen hergeleitet werden und bedeutet „Mitte des Gartens“. Es ist der Ort, an dem Menschen leben, die Mitte der Welt, sowohl im sakralen als auch profanen. Auch wenn sich Jürgen Franke, Macher des Rollenspiels Midgard, im Jahre 1985 des Begriffs bediente, hat das gesamte System und die dahinter stehende Story wenig mit dem sagenumwobenen Land der alten Germanen zu tun.

Dennoch wurde es das erste in Deutschland erschienene Pen & Paper Rollenspiel, hat zahlreiche Erweiterungen erfahren und zeigt in seiner Aufassung des Druiden viele Parallelen zur Romantik. Damit trägt der Meilenstein in der Rollenspielgeschichte zu einer vereinfachten, leicht rückwärtsgewandten Wahrnehmung von Druiden in der heutigen Öffentlichkeit bei.

 

Karte Midgard
Midgard ist das erste in Deutschland erschienene Pen & Paper Rollenspiel. Die Welt besteht aus vier Hauptinseln

Was ist ein Pen & Paper Rollenspiel?

Spieler sitzen meist an einem Tisch, haben verschriftlichte Charakterbögen und einen Meister, der die Story, Inputs und Reaktionen der Umwelt steuert. Je nach Stärke und Punkten hat der Charakter die Möglichkeit zu reagieren und einen Erfolg zu erlangen – wobei dies oft dem Glück huldigend ausgewürfelt wird. Der Spieler spricht und handelt so für seinen Charakter. Nehmen die Spieler ihre Rollen ernst, kann ein hörspielartiges Stück entstehen, mit Dialogen, Emotionen und einem Meister, der als Erzähler fungiert. Dabei entstehen Bilder und Aktionen in den Köpfen der Spieler; der Meister kann durch lebhafte Erzählweise diese Bilder unterstützen, es werden aber keine Handlungen physisch ausgeführt wie beispielsweise beim Live Rollenspiel (LARP).

Charabogen_Midgard
In Charakterbögen werden die Fähigkeiten des Rollenspielers festgehalten. Diese sind wichtig für den Erfolg von Aktionen

Midgards Herkunft, Rolle und Einfluss in Deutschland

Wie viele andere Rollenspiele basieren die Ideen und Welten auf J.R.R. Tolkiens Büchern und auch wenn das Spiel seit dem Erscheinen von „Das Schwarze Auge“ (DSA) oder „Dungeons and Dragons“ (D&D, gesprochen: Di-in-di) an Einfluss in der Rollenspielerszene verloren hat, gibt es noch immer eine große Fangemeinde.

Es ist summa summarum das wahrscheinlich einflussreichste Rollenspiel und ein Meilenstein der Szene. Neben dem offiziellen Magazin Gildenbrief existierten noch inoffizielle, unabhängige Magazine wie DausendDodeDrolle(seit 1993): Midgard Herold (2000-2002) und Sammelsurium (2006-2009).

Zahlen zu aktiven Spielern oder gar der Fangemeinde sind jedoch nicht bekannt. Rollenspieler insgesamt und somit insgesamt Pen & Paper, LARP und PC werden in Detschland sehr konservativ auf 100.000 geschätzt.

 

Midgard Magazin aus Franken
DausendDodeDrolle war ein unabhängiges Magazin für die Rollenspielerszene mit Schwerpunkt auf Midgard

Story, Grundlagen und Aufbau von Midgard

Die Seemeister

Bei Midgard drehen sich viele Quests, Aufträge und Storystränge um den Krieg der Magier. Diese kriegerischen Auseinandersetzungen, welche die Länder rings um das Meer der Fünf Winde in Aufruhr versetzten und zu mehreren Umstürzen führten, waren interne Konflikte der Seemeister. Die Seemeister waren ursprünglich Völker aus dem Norden, die jedoch vom EIS vertrieben wurden. Thursen, Eishexen und Trolle kamen mit einem radikalen Klimaumschwung und vernichteten oder versklavten alle in den Ländern des Nordens, die nicht fliehen konnten oder wollten.

Die Dekadenz der Seemeister und dämonische Horden

Nach einer relativ linearen Expansionsgeschichte und vielen Eroberungen beherrschten die Nachfahren der Seemeister, die Viarchen, den Großteil des Gebietes, der in Midgard bekannten Welt. In der Sicherheit ihres Erfolgs vernachlässigte das Volk die Verteidigung und übersah fremde Mächte am Rande der Karte, die bald einmarschieren sollten. In der Not beschwor Großmeister Rhadamanthus mittels schwarzer Magie dämonische Horden, die das Reich verteidigen sollten. Das stieß auf große Ablehnung unter anderen Magiern und führte letztendlich zum vernichtenden Bürgerkrieg, dem Krieg der Magier zwischen Grauen und Schwarzen Meistern.  Auf den Trümmern dieser Kulturen stehen heute die Reiche der Menschen.

 

Der Gildenbrief Sonderdruck beschäftigte sich unter Leitung von Alexander Huiskes mit der Rolle des Druiden
Der Gildenbrief Sonderdruck beschäftigte sich unter Leitung von Alexander Huiskes mit der Rolle des Druiden. Mit dem Druiden als Rolle eröffnen sich viele Möglichkeiten, andere verschließen sich

Die Charaktere

Eine Spielfigur kann vier verschiedenen Rassen entstammen, die allesamt unterschiedliche Fähigkeiten, Vorteile und Aussehen haben. Wie in vielen anderen Fantasywelten handelt es sich um Menschen, Elfen, Zwerge, Gnome und Halblinge. Die Wahl der Rasse bestimmt, wie schnell ein Charakter bestimmte Fähigkeiten lernen kann und wirkt sich auf die Attribute Stärke, Geschicklichkeit, Gewandtheit, Konstitution, Intelligenz und Zaubertalent aus.

Neben der Rasse wird auch eine Klasse bestimmt, bei der in der Basis Fassung, die Grundklassen Glücksritter, Krieger, Kundschafter, Magier, Ordenskrieger, Priester, Seefahrer oder Söldner zur Verfügung stehen. Durch diverse Erweiterungen kamen noch der Barde, Druiden, Hexer, Priester und Schamane dazu. Die Wahl der Klasse bestimmt oft die Auffassung, die der Rollenspieler von der Welt, den Entscheidungen und Machtgefügen, sowie von Recht und Unrecht hat und ausspielen muss.

Der Midgard Druide
Der Midgard-Druide wird oft als junger, naturverbundener Einzelkämpfer dargestellt

Der Druide im Rollenspiel Midgard

Der Druide wurde in der Version M4 eingeführt und  ist vor allem als naturverbunden dargestellt: Der Druide glaubt an eine natürliche Ordnung der Dinge. Das heißt, er glaubt beispielsweise an die Existenz von Göttern, verehrt diese aber nicht. Er verehrt eher ein Gleichgewicht in der Natur, das es gilt, erhalten zu werden. Damit ist klar: Sowohl Götter als auch Menschen können das Gleichgewicht der Natur aushebeln – und genau hier ist das moralische Feld des Druiden, sein Einsatzgebiet. Dabei stellen die Midgard-Druiden die Natur über den Menschen. So üben sie sich in Selbstdisziplin, Askese und Nachhaltigkeit, und fordern direkt und indirekt auch von anderen Menschen bedingungslose Bereitschaft zum Verzicht, wenn dies zur Bewahrung der natürlichen Ordnung notwendig ist.

Magie und übernatürliche Wesen, die das Gleichgewicht gefährden, sind dabei ein Dorn im Auge der Druiden. Vor dem Hintergrund der Story wird daher klar, dass sie meistens erbitterte Gegner der schwarzen Meister sind.

Der historische Druide und der Druide in Midgard

Wie haben die Macher von Midgard Druiden gesehen und wie genau haben sie recherchiert? Grundsätzlich richtig eingebaut haben sie den Verzicht auf schriftliche Überlieferung des geheimen Wissens. Wie auch bei den historischen Druiden wird bereits ab der Ausbildung des Novizen Wissen nur in mündlicher Form überliefert, um das Gedächtnis zu stärken und die Informationen nicht allen zugänglich zu machen.

Naturverbundene Einzelkämpfer

Der Fantasywelt geschuldet ist dabei eine übermäßige Betonung von Magie. Sie lernen verschiedene Zauber, wobei diese Spruchvielfalt und ihre Fertigkeiten eher in der Wildnis zum Tragen kommen. Das Wissen um Kräuter, Heilung, Poesie und Politik spielt eine untergeordnete bis keine Rolle. Die soziale Funktion als Richter, Gelehrte und Berater, sowie die Rolle der gesamten historischen Druidenkaste wird unterschlagen – Druiden sind im Rollenspiel Midgard eher verschrobene Einzelgänger, welche die Natur über den Menschen stellen.

Bewahrer, kein Manipulator des Weltenlieds

Die Trennung von Druiden und Barden ist – wie in den meisten Rollenspielen – eindeutig und es bestehen kaum Verbindungen. Dass der Barde historisch gesehen ein Teil der Druidenkaste ist, bleibt also völlig außer Acht. Einen Zusammenhang gibt es jedoch: Der Druide glaubt, dass alles Sein und Existierende von einem einzigen Geist durchzogen ist. Dieser Geist hat einen eigenen, friedlichen Willen, der bei Beobachtung der Welt spürbar und erkennbar ist. Diesen Willen nennt der Midgard-Barde „Weltenlied“. Druiden sehen sich als Hüter dieses Musters, Barden manipulieren es durch die Kraft der Musik.

 

 

Welche Eigenschaften werden auf den Druiden projiziert?

Ähnlich wie in der Romantik wird die bedingungslose Naturverbundenheit und Naturliebe auf Kosten der strategischen, philosophischen und poetischen Seiten der historischen Druiden besonders betont.

Der Druide kennt die Ordnung

Auffällig ist der hohe Grad an Fatalismus, der besonders im Vergleich mit dem Barden deutlich wird. Der Midgard-Druide sieht die Ordnung als gegeben an, er schützt den Status Quo und ist somit ein klassisch konservativer bis reaktionärer Charakter, der argumentativ wenig erreichbar, den großen verdeckten Plan der Welt schützt und ihm den Weg frei hält.

Dabei räumt ihm das Spielesystem ein, dass es eine solche Ordnung wirklich gibt. Anders als im modernen Fundamentalismus ist der Druide also Vertreter und Kämpfer für eine wahre Weltordnung, die erkennbar ist und auf die man sich verlassen kann – der Wunsch vieler moderner Bürger im Zeitalter der Globalisierung.

Der unabhängige Fundamentalist

Da über die Ausbildung der Druiden in Midgard wenig bekannt ist, bleibt er aber auch ein kautziger Außenseiter mit wenig sozialen Fähigkeiten. Die Botschaft scheint zu sein, dass Glück und Ordnung dicht beieinander liegen und auch ohne urbane Welt oder die Zwänge korrekter sozialer Kommunikation auskommen.

Der Druide wird zu einem Repräsentanten der Zivilisationsmüdigkeit und rückwärtsgewandten Denken und symbolisiert gleichzeitig eine Absage an Social Engeneering, Networking und Sozialisationszwang.

Der Druide in Midgard ist unabhängig von Menschen, kennt den Willen der Welt und weiß sie für sein Überleben mit Leichtigkeit zu nutzten. Ein Traum für Modernisierungsverlierer, von der Position und Rolle der historischen Druiden jedoch weit entfernt.

 

 

 

 

Druiden als Rebellen
In einer modernen Lesart ist der Druide Rebell: Rebell gegen Unberechenbarkeit und Zwang zur Entscheidung. Grundlage ist das natürliche Gleichgewicht

 

 

 

 

moderne und Druiden
Zivilisationsmüdigkeit ist ein Phänomen, das nach Globalisierungsschüben auftritt. Der Druide scheint das Gegenteil des modernen, vernetzten und unter Unberechenbarkeit agierenden Menschen zu sein

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