Von Samhain und Halloween – Wenn der Schleier zu den Toten fällt

Halloween wird oft als direkte Fortsetzung des keltischen Samhain dargestellt – eines Festes am Ende der Erntezeit, an dem die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Toten durchlässig geworden sein soll. Doch wie viel davon lässt sich tatsächlich belegen? Wann wurde daraus der hohle Kürbis, Verkleidungen, „Trick or Treat“ und schließlich das moderne Halloween? Die Geschichte des Festes ist weit komplexer als die verbreitete Erzählung einer geradlinigen Entwicklung von einem uralten keltischen Fest zum amerikanischen Halloween.

Der Übergang von der Hellen zur Dunklen Zeit

Eine Nacht zwischen Oktober und November war jedes Jahr eine ganz Spezielle für keltische Stämme. Sie markierte das Ende der Erntezeit und somit den Übergang von der hellen zur dunklen Zeit. Die dunkle Zeit erforderte Besonnenheit und Vorsicht. Es galt Vorräte zu sichern, Tiere im Stall unterzubringen und Nahrungsvorräte planen.

Die Druiden, als geistliche Führer und Astronomen, setzten jedes Jahr das Datum dieser besonderen Nacht fest, die auf den Britischen Inseln den Namen Samhain trug. Das Wort setzt sich aus den Silben Sum (Sommer) und fuin (Ende) zusammen, und bezeichnet dementsprechend das Ende des Sommers. Opfergaben zum Herbst deuten auf ähnliche Feste im gesamten keltischen Siedlungsgebiet hin.

Druid watching stars

Druiden legten jedes Jahr das exakte Datum für die Herbstrituale fest

Irish letters

Die spätere Schreibweise sam-hain stammt von einer Lautverschiebung. Im Kombinationskontext von „sam“ + „fuin“ wurde das „f“ teilweise stumm oder als „h“-Laut ausgesprochen, insbesondere bei altirischen komplexen Wortverbindungen wurde das „f“ am Wortanfang oder in Verbindung mit bestimmten Vokalen abgeschwächt.

Alles Feuer wird neu entfacht - und reinigt

Feuer war ein zentrales Element der Herbstfeste. Feuerrituale sollten sowohl Schutz bieten als auch die Toten ehren. Belegt sind auch sog. „Need-Fires“. Ein Need-Fire war ein ritueller Neustart des Feuers. Dabei wurde jegliches bestehende Feuer im Dorf gelöscht, und ein einziges neues Feuer durch Reibung (nicht mit Metall – meist durch Holzbohrer) entfacht. Es galt als rein, heilig und heilend. Viehherden wurde hindurchgetrieben, um es vor Krankheiten zu schützen und auch Menschen sprangen durch das Feuer als Ritual der Reinigung für den kommenden Winter. Druiden planten und überwachten die feierlichen Rituale, die die ganze Nacht dauern konnten.

Samhain Ritual mit Schafen und Feuer

Durch den Rauch der Feuer wurden die Tiere getrieben, um sie zu reinigen

Kein Schrecken, sondern Verehrung

Samhain war für die Kelten kein Gruselfest, sondern ein heiliger Schwellenmoment. Man glaubte, dass sich in dieser Nacht die Schleier zwischen unserer Welt und der Sídhe, der Anderswelt, hoben.

Diese Anderswelt war kein Ort des Schreckens, sondern eine Parallelwirklichkeit – Heimat der Ahnen, der Feenvölker und der verborgenen Kräfte der Natur. Wer in Kontakt mit ihr trat, begegnete nicht dem Tod als Endpunkt, sondern als Übergang. Darum fürchteten die Kelten das Sterben weniger als wir heute – der Tod bedeutete nicht Verlust, sondern Rückkehr in einen anderen Teil des Kreislaufs.

Es gab also nicht unbedingt Grund die Geister zu fürchten - im Gegenteil, sie wurden willkommen geheißen und man ließ Speisen für wandernde Ahnen bereitstehen.

Gaben wurden zu Samhain bereitgestellt, um die Toden einzuladen

Tisch mit Lebensmitteln für Samhain

Bei Samhain stellten die Kelten einfache Gaben für ihre Ahnen bereit – Brot, Milch, Äpfel, Fleisch oder Met –, still abgelegt auf Tischen, Schwellen oder draußen auf Steinen, nicht zur Schau, sondern als stille Einladung an die Unsichtbaren.


Die Entwicklung von Samhain Bräuchen mit Folklore

In der vorrömischen und frühchristlichen Zeit Irlands blieb die  Kultur bestehen, in der das Sichtbare und das Unsichtbare, das Weltliche und die Anderswelt eng miteinander verwoben waren. Die mündlich überlieferten Heldensagen des sogenannten Ulster Cycle wurden zwar erst zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert schriftlich fixiert, verweisen aber auf eine ältere Erzähl‑ und Glaubenstradition, in der Helden mit der Anderswelt in Beziehung standen.
Ein anschauliches Beispiel hierfür ist die Legende von Cú Chulainn.

Die Göttin Morrigan Erinnernt den Helden Cú Chulainn daran, dass Diesseits und Anderswelt auf ewig verwoben sind

Cú Chulainn und Morrígan – Liebe, Krieg und das Schicksal

Cú Chulainn, der heroische Krieger Ulsters, begegnete der Morrígan, Göttin des Krieges und der Anderswelt, als sie ihm in verschiedenen Gestalten erschien. Sie bot ihm Liebe und Schutz an, doch er wies sie zurück, unfähig, das Fremde und Übernatürliche zu akzeptieren. Daraufhin trat sie ihm als Feindin entgegen, verwandelte sich in Tiere und versuchte, ihn im Kampf zu schwächen. Erst als sie ihm später als alte Frau begegnete und er sie unwissend segnete, wurde Frieden zwischen ihnen möglich. In dieser Begegnung erkannte Cú Chulainn die unaufhebbare Verbindung zwischen der sterblichen Welt und der Anderswelt – eine Einsicht, die er zu spät gewann

Mit der Christianisierung Irlands und anderer keltischer Gebiete ab dem 5. Jahrhundert n. Chr. versuchte die Kirche, diese heidnischen Bräuche zu überlagern: Der 1. November wurde zum Allerheiligenfest erklärt, und der Abend davor als All Hallows’ Eve – das spätere Halloween – gefeiert.

In frühen christlichen Quellen war der Abend geprägt von Gebeten für die Seelen der Verstorbenen, Messen und Prozessionen, dennoch blieben viele keltische Traditionen lebendig, z. B. Lichter oder Feuer, um die Geister zu vertreiben oder die Heimkehr der Ahnen zu leiten, Masken und Verkleidungen, um sich vor bösen Geistern zu schützen sowie Vorräte und Speisen für die Seelen Verstorbener bereithalten.

Die Vermischung von christlicher Symbolik und alter keltischer Vorstellung führte dazu, dass All Hallows’ Eve einerseits ein religiöser Tag für die Lebenden war, andererseits aber die Nacht als Zeit des Übergangs und der Geister weiterhin im Volksglauben präsent blieb. Ein Beispiel hierfür ist die Legende von Jack o‘ Latern, die im frühen Mittelalter aufkam und die letzendlich die Tradition rund um das Kürbisschnitzen erklärt:

Jack o Latern mit Kürbis
Jack o' Latern wurde der Eingang in den Himmel als auch in die Hölle verwehrt. Seiher wandelt er im Zwielicht mit einer ausgehöten Rübe - später wurde hieraus ein Kürbis

Jack o’ Lantern – der Schmied, der den Teufel betrog

Jack war ein irischer Schmied, verschlagen und trinkfest. Eines Abends lud er den Teufel höchstpersönlich auf einen Drink ein – aus purer Neugier und vielleicht auch, um ihn auf die Probe zu stellen. Als die Zeche kam überredete er den Teufel, sich in eine Münze zu verwandeln, mit der er den Wirt begleichen könne. Doch Jack steckte die Münze stattdessen in seine Tasche – neben ein silbernes Kreuz. Gefangen in dieser Form musste der Teufel ihm schwören, seine Seele zehn Jahre lang in Ruhe zu lassen.

Zehn Jahre später erschien der Teufel wieder, um sein Recht zu fordern. Jack bat ihn um einen letzten Wunsch – einen Apfel von einem hohen Baum. Kaum war der Teufel hinaufgeklettert, ritzte Jack ein Kreuz in den Stamm. Wieder gefangen, musste der Teufel ihm ein weiteres Versprechen geben: Er würde Jacks Seele niemals holen.

Als Jack schließlich starb, blieb ihm weder Himmel noch Hölle. Der Teufel, an sein Wort gebunden, warf ihm nur ein Stück glühender Kohle aus der Unterwelt zu, damit er Licht auf seinem endlosen Weg habe. Jack steckte sie in eine ausgehöhlte Rübe – und wandert seither als ruheloser Geist durch die Dunkelheit.

So stellten die Menschen an Samhain Rübenlichter vor ihre Türen, um ihm den Weg zu weisen. Später, in Amerika, wurde aus der Rübe ein Kürbis – und aus dem ruhelosen Schmied wurde die Jack o’ Lantern, das flackernde Symbol jener Nacht, in der die Grenze zwischen Leben und Tod am dünnsten ist.

Das Kürbisschnitzen ist mittlerweile auch zur Trdition außerhalb Irland und der USA geworden

Amerikanisierung und der Eingang in die weltweite Popkultur

Als irische und schottische Einwanderer ihre Halloween-Bräuche im 19. Jahrhundert in die USA brachten, trafen sie auf eine bereits bestehende Kultur von Erntefesten, herbstlichen Gesellschaftsveranstaltungen, Wahrsagespielen und Jugendstreichen. Im Laufe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wurden diese unterschiedlichen Traditionen zunehmend unter dem Namen Halloween zusammengefasst.

Das Famine Memorial in Dublin erinnert an die Große Hungersnot 1820-1870

Mit der kartoffelfäule in Irland begann die große Auswanderungswelle

Zwar wanderten bereits im 17. und 18. Jahrhundert Iren in die USA ein, die große Einwanderungswelle kam jedoch ab 1820. Ab dieser Zeit löste die Kartoffelfäule eine historisch große irische Hungersnot aus. Innerhalb weniger Jahre starben etwa eine Million Menschen, und Hunderttausende wanderten aus. Insgesamt kamen zwischen 1820 und 1930 schätzungsweise 4,5 Millionen Iren in die USA.

Aber die Art, wie Halloween insbesondere ab Mitte des 19. Jahrhunderts insbesondere von den irischen Gemeinden in den USA gefeiert wurde, war noch immer nicht dasKinderfest mit Süßigkeiten, wie man es heute kennt. Viele Elemente stammten noch von Samhain, so wie Verkleidungen und Wahrsagerei, Feuer, Vorstellungen von Geistern und übernatürlichen Wesen aber auch guising – verkleidetes Herumziehen und Bitten um Essen.

Diese Feste etablierten sich zu nächst an der Westküste, insbesondere Bosten und Neuengland, New York sowie Philadelphia; später wurde auch Chicago eine Hochburg.

Halloween – ein Fest junger Frauen?

Für die Erwachsenen entwickelte sich das Fest zu einer gruseligen Motto-Party mit augenzwinkerndem Kontakt in die Geisterwelt. Ws wurden jährlich  Halloween-Partys veranstaltet, bei denen es Apfel-Wettspiele (eine bereits bestehende amerikanische Herbsttradition), sowie Verkleidungen, Spiele und dekorierte Räume gab. Gleichzeitig wurden Geschichten über Geister und Hexen, Wahrsagerei und auch Liebesorakel eingeführt.

Insbesondere junge Frauen spielen Wahrsagespiele, um herauszufinden, wen sie heiraten werden. Historiker bezeichnet Halloween im frühen 20. Jahrhundert sogar als teilweise ausgesprochen weiblich geprägtes Fest, da Frauen die häuslichen Partys organisierten und die sozialen Beziehungen pflegten.

Im frühen 20. Jahrhundert waren Frauen eine treibende Kraft hinter Halloween
In Oregon kam es 1906 zu Vandalismus mit Sachschaden von 20 000 US-Dollar (Heutte ca. 750 000 USD)

Trick or Treat! Wie der Streich Teil Halloweens wurde

Der Streich gegen andere war kein Teil des traditionellen Samhain. Zu Samhain waren Verkleidungen, Maskierungen und Formen des Umherziehens von Haus zu Haus verbreitet. Die damit verbundene zeitweilige Aufhebung gesellschaftlicher Normen bot eventuell einen Vorläufer für die späteren Halloween-Streiche; das „pranken“ und der Vandalismus können aber als amerikanischer Beitrag zu Halloween gewertet werden.

Insbesondere in den Großstädten wurde um 1900 das Streichspielen vieler Jugendlicher zum Problem und wird  zunehmend als öffentliches Ordnungsproblem wahrgenommen. Es kommt vermehrt zu Sachbeschädigungen, Feuer, Streiche gegen Straßenbahnen, verkleidete Angriffe auf Passanten, beschädigte Geschäfte und andere Formen des Vandalismus. Jugendliche stellten Wagen um, entfernten Türen, kippten Zäune um, zogen Kutschen oder Gegenstände auf die Straße und seiften Fenster ein.

1923 wurden 200 Jugendliche bei Halloween Randalen in Chicago festgenommen

In der Nacht vom 31. Oktober 1923 eskalierte Halloween in den nördlichen Vororten Chicagos. Die Polizei nahm mehr als 200 Jungen in Evanston, Wilmette, Winnetka und weiteren North-Shore-Orten in Gewahrsam. Berichtet wurden u. a.: Zäune und Veranden wurden herausgerissen, Fenster eingeschlagen, kleine Bäume ausgerissen, Straßenlaternen zerstört, Hydranten geöffnet und Autoreifen zerstochen bzw. die Luft herausgelassen

Domestizierung, Kommerzialisierung und Reimport von Halloween

Nach den Halloween-Randalen der 1920er und 1930er Jahre setzte sich in den USA zunehmend ein anderer Umgang mit dem Fest durch: Halloween wurde nicht abgeschafft, sondern organisiert. Ein frühes Beispiel ist Anoka, Minnesota, wo bereits in den 1920er Jahren eine organisierte Halloweenfeier mit Parade, Kostümen, Musik, Feuer und Süßigkeiten stattfand, an der mehr als 1.000 Schulkinder teilnahmen. Ziel war es, den zuvor verbreiteten Vandalismus durch kontrollierte und gemeinschaftliche Formen des Feierns zu ersetzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkten das Bevölkerungswachstum, die geburtenstarken Jahrgänge, das Fernsehen und die expandierende Süßwarenindustrie diese Entwicklung.

Mit Disneys Trick or Treat von 1952 wurde das amerikanische Halloween auch in der Massenkultur zunehmend etabliert. Aus dem konfliktreichen Brauch wurde so schrittweise ein kommerzialisiertes Kinder- und Familienfest.

 

Walt Disneys Trick or Treat (1952) trug zur popkulturellen Verbreitung des amerikanischen Halloween bei. Quelle: Trick or Treat, Walt Disney Productions, 1952. Bildzitat nach Art. 25 URG (Schweiz) bzw. § 51 UrhG (Deutschland), zur Veranschaulichung der im Text erläuterten Entwicklung des amerikanischen Halloween.
Walt Disneys Trick or Treat (1952) trug zur popkulturellen Verbreitung des amerikanischen Halloween bei. Quelle: Trick or Treat, Walt Disney Productions, 1952. Bildzitat nach Art. 25 URG (Schweiz) bzw. § 51 UrhG (Deutschland), zur Veranschaulichung der im Text erläuterten Entwicklung des amerikanischen Halloween.

Seit den 1980er, vor allem aber seit den 1990er Jahren verbreitete sich diese Form des Halloween durch amerikanische Filme, Fernsehen und später das Internet auch in Europa. Im deutschsprachigen Raum setzte die breitere Popularisierung insbesondere in den 1990er Jahren ein. Übernommen wurde dabei nicht das historische Samhain, sondern die im 20. Jahrhundert in den USA entstandene, weitgehend säkularisierte und kommerzialisierte Form des Festes.